{"id":230,"date":"2008-10-13T15:43:20","date_gmt":"2008-10-13T13:43:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielenutzen.de\/?p=230"},"modified":"2008-10-13T16:03:00","modified_gmt":"2008-10-13T14:03:00","slug":"gesprach-gesellschaft-und-ethik-in-computerspielen-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.spielenutzen.de\/?p=230","title":{"rendered":"Gespr\u00e4ch: Gesellschaft und Ethik in Computerspielen II"},"content":{"rendered":"<p>An der HTWK Leipzig wurde im Sommersemester 2008 zum zweiten Mal eine Ringvorlesung zum Thema \u201eethische Computerspiele\u201c durchgef\u00fchrt. Auf Basis der Grundpfeiler Gesellschaft, Ethik und \u00d6konomie sollten Spiele wie &#8220;World of WarCraft&#8221; modifiziert werden.<\/p>\n<p>Aufbauend auf dem <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.spielenutzen.de\/?p=86\">Ergebnis der ersten Veranstaltungsreihe<\/a> erneut ein Gespr\u00e4ch mit den Professoren Klaus Bastian und Hans-Ulrich Niemitz \u00fcber die gewonnenen Erkenntnisse.<\/p>\n<p><!--more Gespr\u00e4ch lesen ... --><\/p>\n<p><strong>Haben Sie Fortschritte gegen\u00fcber der ersten Ringvorlesung erzielt?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ja, kann man sagen. Aber um die zu verstehen, hier erst einmal eine kurze Skizze dessen, was wir in der ersten Ringvorlesung 2007 erreicht haben. Ziel damals wie auch heute war bzw. ist, mit den Spielen in Form von experimenteller Arch\u00e4ologie nachspielen zu lassen, wie Gesellschaft entstanden ist. Die Spiele werden zu einem kulturellen Experimentierfeld.<\/p>\n<p>Bei uns war ist die Besonderheit, dass wir ein neues Verst\u00e4ndnis von \u00d6konomie haben, dies von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger \u00fcbernommen: die Eigentums\u00f6konomik. Diese haben wir auch schon bei unseren Arbeiten zur Internet\u00f6konomie angewendet. Wir stellten fest, dass man noch grunds\u00e4tzlicher vorgehen muss, als Gunnar Heinsohn und Otto Steiger dies taten, um Internet\u00f6konomie programmierbar zu machen. Verk\u00fcrzt gesagt: Wir mussten bei der Ethik starten, verstanden als <em>das<\/em> Kulturprinzip von Gesellschaft (im Unterschied zu Gemeinschaft und Herrschaft, die Ethik nicht kennen).<\/p>\n<p><img src=\"i\/bastian_niemitz1.jpg\" title=\"Prof. Hans-Ulrich Niemitz\" \/><\/p>\n<p>Von daher konnten wir das Recht herleiten, dann zeigen, was Gesellschaft ist (ein Rechtsverh\u00e4ltnis, mehr nicht!), von daher die \u00d6konomie ableiten und dann \u2013 und dies war eines unser Hauptziele in den Computerspiel-Ringvorlesungen \u2013 auch die Geldentstehung verstehen.<\/p>\n<p>In den Konstruktionsseminaren der ersten Ringvorlesung entwickelten die Teilnehmer Varianten von Spielen, in denen die Spieler bzw. Avatare die Ethik selber institutionalisieren mussten oder eben vorgegeben bekamen. Das war gar nicht so schwierig. Aber die Natur des Spiels so zu gestalten, dass Ethik n\u00f6tig und m\u00f6glich wurde, war nicht einfach.<\/p>\n<p>Im Prinzip versuchten alle Seminargruppen, \u201eWorld of Warcraft\u201c (WoW) zu modifizieren. Es galt, herauszufinden, wie man in einem modifizierten WoW bei Kreditvertr\u00e4gen Sicherheiten stellen kann bzw. wie man Miet- und Arbeitsvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen kann. Es mussten der Hunger und damit m\u00f6gliche Not eingef\u00fchrt werden. Also musste gegessen werden k\u00f6nnen, aber auch Lebensenergie angebaut werden k\u00f6nnen, die sich dann vermehrt \u2013 und eben gegessen oder wieder \u201eausges\u00e4t\u201c werden kann, \u00e4hnlich wie Saatgut in der realen Welt. Wir mussten das Inventar der Avatare modifizieren. Hier gibt es nun \u201eKisten\u201c, die wie Grundst\u00fccke funktionieren: Sie sind unzerst\u00f6rbar und Tr\u00e4ger der Vermehrung von Lebensenergie. Ergebnis war: Im Prinzip funktioniert es! Sowohl als WoW-Modifikation als auch als Neukonstruktion.<\/p>\n<p>Was uns in der ersten Ringvorlesung nicht so recht gelang, war die Geldemission konzeptionell zu implementieren. Dies allerdings haupts\u00e4chlich wegen zu wenig zur Verf\u00fcgung stehender Zeit.<\/p>\n<p><img src=\"i\/bastian_niemitz3.jpg\" title=\"Prof. Klaus Bastian\" \/><\/p>\n<p><strong>Was geschah in der zweiten Ringvorlesung?<\/strong><\/p>\n<p>Nach der ersten Ringvorlesung hatten wir zwei Erkenntnisse. Zum ersten sahen wir, dass Endlosspiele wie z.B. WoW problematisch sind. Das angeh\u00e4ufte Spielerverm\u00f6gen wird irgendwann \u2013 z.B. per Ebay \u2013 real gehandelt. Also mussten wir nun \u00fcber endliche, d.h. rundenbasierte Spiele nachdenken. Zum zweiten verbesserten wir wichtige Begriffe der Eigentums\u00f6konomik. Wir entwickelten rechtsfeste bzw. dann eben rechtssichere Begriffe. Was das ist, kann hier nur angedeutet werden.<\/p>\n<p>Die Ringvorlesung war wieder dreigeteilt. Teil 1 hie\u00df Wissenstransfer von Ringvorlesung 1 zu Ringvorlesung 2 und Vortragen der neuen Erkenntnisse. Teil 2 war die Lange Nacht der Computerspiele. Teil 3 waren dann die Konstruktionsseminare, unterbrochen nur von einem Vortrag eines Eigentum\u00f6konomikers, n\u00e4mlich Ulf Heinsohns, der darstellte, wie zu Beginn der Neuzeit das rechtssichere bzw. eben echte Geld erfunden und mehr oder weniger durchgesetzt wurde.<\/p>\n<p><img src=\"i\/spielenacht2008a.jpg\" title=\"Lange Nacht der Computerspiele 2008\" \/><\/p>\n<p><strong>Hat es denn nun mit der Geldemission in Ihren Spielen geklappt?<\/strong><\/p>\n<p>Jein. Zuerst das Ja: Zum einen war die Geldemission so gut wie allen klar geworden wegen der neuen Begriffe. Insbesondere gelang das, weil wir in einer Vorlesung ein Brettspiel konstruierten, sozusagen ein Neu-Monopoly, das realit\u00e4tsn\u00e4her l\u00e4uft als das \u201eAlt-Monopoly\u201c. Denn das Neu-Monopoly beginnt nicht mit der Geldverteilung seitens einer Bank an die Spieler sondern mit der Verteilung von \u201eProprietas\u201c, d.h. von Grundst\u00fccken, Werkzeugen, Lebensmittelvorr\u00e4ten und weiteren Mitteln. So d\u00fcrfte der Start von Gesellschaft real gelaufen sein.<\/p>\n<p>Die notwendigerweise starke Vereinfachung f\u00fchrte zu einem \u00fcbersichtlichen Spielbrettdesign mit einfachem Kartenauflegen, das tats\u00e4chlich auch den letzten Teilnehmer verstehen lie\u00df, wie das \u2013 und nun folgen in Aufz\u00e4hlung unseren neuen Begriffe \u2013 mit der Proprietas, dem Kollateraleigentum, dem Kollateralbesitz, dem Naturaleigentum, dem Naturalbesitz und insbesondere mit der Geldemission lief.<\/p>\n<p>Uns allen war bald klar, dass wegen der notwendig gro\u00dfen Zahl von Mitspielern dieses Spiel als Brettspiel an sich wohl nicht spielbar sein wird, sehr wohl aber als einfach zu programmierendes und zu spielendes, rundenbasiertes Mehrpersonen-Online-Computerspiel.<\/p>\n<p>Zum anderen fehlte uns wie \u00fcblich die Zeit, um zu lauff\u00e4higen Programmen zu kommen. Aber mit ein oder zwei Bachelor- oder Masterarbeiten d\u00fcrfte das in Jahresfrist gelingen. Vielleicht sto\u00dfen ja einige Firmen dazu.<\/p>\n<p><img src=\"i\/spielenacht2008b.jpg\" title=\"Lange Nacht der Computerspiele 2008\" \/><\/p>\n<p><strong>Und wo bzw. wie soll das alles enden? Wird denn ein spannendes Spiel entstehen?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wir zitieren hier am besten aus dem <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.spielenutzen.de\/?p=86\">letzten Interview<\/a>, um unsere letztlich unver\u00e4nderte Zielvorstellung zu wiederholen: <em>\u201eMan sollte es zum Schluss vielleicht noch einmal ganz deutlich sagen. Die bisherigen Spiele sind M\u00e4rchen, oder sind wie M\u00e4rchen. Da steckt eine Logik drin, die sie spielbar macht. Aber f\u00fcr die Wirklichkeit einer Gesellschaft ist da nichts zu lernen. Ganz im Gegenteil. Selbst bei den \u201eWirtschaftssimulationsspielen\u201c dominiert das M\u00e4rchenhafte, das ein Verstehen von Gesellschaft eher erschwert als erleichtert. Das, was wir analytisch klar unterscheiden k\u00f6nnen, geht da durcheinander: Gemeinschaft, Herrschaft und Gesellschaft. Und nur wer Gesellschaft verstanden hat, kann diese drei klar unterscheiden. Dass eine Gesellschaft zur Herrschaft werden kann, wissen wir alle \u2013 und umgekehrt klappt es manchmal auch. Das w\u00e4re die h\u00f6chste Anforderung an ein Spiel, diese Kulturwechsel spielen lassen zu k\u00f6nnen. Man k\u00f6nnte hier \u2013 das Spiel w\u00fcrde dann fast zur Simulation \u2013 viel lernen und ausprobieren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn wir dieses Ziel erreichen, dann k\u00f6nnen die Spiele nicht nur Spa\u00df machen und spannend sein, sondern auch lehren, wie Gesellschaft funktioniert. Und das freut dann den Ethiker! Und die Spieler verstehen, was uns auch sehr wichtig ist, wie Geld in die Welt kommt. Im Spiel als Spielgeld wie in der Wirklichkeit als echtes Geld. Und wer wei\u00df, wie Geld in die Welt kommt, d\u00fcrfte sowohl das Potential haben, ein guter Politiker zu werden (er macht keine Fehler in der Geldpolitik) als auch &#8212; reich zu werden. Ist das Nichts?<\/p>\n<p><img src=\"i\/world_of_warcraft_karazhan.jpg\" title=\"World of WarCraft\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An der HTWK Leipzig wurde im Sommersemester 2008 zum zweiten Mal eine Ringvorlesung zum Thema \u201eethische Computerspiele\u201c durchgef\u00fchrt. Auf Basis der Grundpfeiler Gesellschaft, Ethik und \u00d6konomie sollten Spiele wie &#8220;World of WarCraft&#8221; modifiziert werden. 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