Interview: “Das Abandonware-Lexikon”

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Abandonware ist Software, die nicht mehr vertrieben wird, da die Urheber nicht mehr existieren – oder kein Interesse mehr an ihren alten Programmen haben. Unzählige Spieleklassiker wären verloren – gäbe es nicht Websites wie Home of the Underdogs, die solche “verlassenen” (= to abandon) Schätze sammeln und kostenlos zum Download anbieten. Doch welche lohnen sich? Gerald Meyer hat in seinem Buch “Das Abandonware-Lexikon” mehrere hundert Spiele vorgestellt. Ein Gespräch mit dem Autor.

Wie kommt es, daß so viele Spiele “verlassen” wurden?

Das hängt wohl in erster Linie mit der Schnelllebigkeit in der Computerspieleindustrie der letzten Jahre und Jahrzehnte zusammen. Während es vor einigen Jahren noch viele kleine autonome Herstellerfirmen gab, die eine bunte Palette (an experimenteller Software) ablieferte und sich nicht unbedingt immer als Konkurrenz ansahen, wird der Markt heute von Konzernen wie Ubisoft und Electronic Arts bestimmt. Viele der großen Namen von früher wurden aufgekauft. Den anderen fehlte meist der finanzielle Background nach einem oder zwei gefloppten Titeln, neue Technologien zu entwickeln und am Ball der Zeit zu bleiben. Sie gingen pleite. Was ehemalige vertrauensvolle Käufer vor zum Teil große Probleme stellte. Plötzlich gab es keine Support- und Umtauschmöglichkeiten mehr. War ein Datenträger beschädigt, bot der Flohmarkt die einzige Möglichkeit, das Spiel noch einmal zu erwerben.

Mit der Einführung und Verbreitung des Internets sah sich die Community dann ganz anderen Möglichkeiten gegenüber – sie gründeten Abandonware-Websites, um sich auszutauschen und „herrenlose“ Spiele ins Netz zu stellen.

Dennoch ist es eine rechtliche Grauzone?

Die Spiele unterliegen immer noch dem weltweiten Urheberrecht, können aber keinen geldwerten Schaden mehr verursachen. Deshalb entscheiden sich die derzeitigen Rechteinhaber meist gegen eine Klage. Doch eine Garantie, nicht belangt zu werden, ist das keinesfalls. Auch sollten zumindest versierte Spieler abklären, inwieweit neu erscheinende Spiele- oder auch Film-Titel die Möglichkeit bergen, dass ältere Spiele als Package wieder in Lizenz genommen werden. Es könnte also beispielsweise sein, wenn ein neues „Wolfenstein“-Spiel herauskommt, daß auch eine Collector‘s Edition erscheint, in der alle alten Spiele als Bonusmaterial enthalten sind – und dann hat der Abandonware-Spieler schlechte Karten.

Wie bringt man alte DOS-Spiele zum Laufen?

Geläufig ist die DOS-Box. Sie ist recht schwierig für Anfänger zu bedienen, sorgt aber für die Kompatiblität mit fast allen alten DOS-Spielen, wenn auch teils mit einigen Abstrichen der Soundqualität. Von den rund 1.000 Spielen, die im Lexikon auftauchen, gibt es jedoch nur bei rund einem halben Dutzend wirklich gravierende Probleme. Wer die Möglichkeit besitzt, einen Pentium I mit Windows 98 aufzutreiben, sollte den alten Rechner entstauben, um ihn in ein Spieleparadies verwandeln.

Und Konsolenspiele?

Für Konsolenspiele hingegen werden eigene Emulatoren benötigt. Die Herangehensweise kann in zahlreichen Foren nachgelesen werden und würde hier zu weit ins Detail gehen.

Wie kamen Sie auf die Idee eines Buches und wie sind Sie bei der Zusammenstellung der Spiele vorgegangen?

Am Anfang der Entstehung von Computerspielen bin ich tatsächlich ein „Verweigerer“ von Computern gewesen und erst seit 1990 aktiver Zocker. In den Folgejahren habe ich eine beträchtliche Anzahl an Spielen gesammelt, vorwiegend Ego-Shooter und Rollenspiele. Anfang 2004 legte ich eine kleine Datenbank an und trug Spiele zusammen, von denen ich der Meinung war, sie gehörten in das Abandonware-Ressort, und begann meine Spieleinteressen auszuweiten. Ohne die komplexen und zum Teil haarsträubenden Verweise des Internets wäre das Buch jedoch nie so geworden, wie es heute vorliegt.

Irgendwann wurden die Daten dann so umfangreich, daß ich einen „Katalog“ für Fans zusammentragen wollte, der die Spiele mit Hersteller-, Entwickler- und Jahresangaben einfach nur auflisten sollte. Als ich mir das nüchterne Machwerk dann angeschaut habe, war schnell klar: Das kann’s nicht gewesen sein. Da fehlt etwas – die persönliche Note. Und manches ist sehr persönlich geworden …

Das war sicher ein gutes Stück Arbeit.

Das kann man sagen. Nach dem Zusammentragen habe ich allein mit der Bewertung über ein Jahr gebraucht, da ich viele der mir unbekannten Spiele wenigstens antesten musste. Mittlerweile weiß ich, dass Spieletester kein Traumberuf ist …

Screenshots hätten die Beschreibungen sehr bereichert…

Das ist wohl wahr. Doch dann hätte das Buch, das ja auch schon in diesem Großformat recht umfangreich ist, den (finanzierbaren) Rahmen gesprengt. Ausreichend und ausgewählte Screenshots bzw. Kartenmaterial sind im geplanten Nachfolgeband „Der Abandonware-Spieleführer: Adventures und Rollenspiele“ zu finden, einem Sammelband mit Komplettlösungen der beliebtesten, ungewöhnlichsten und seltensten Spiele.

Kommentare

Ein Kommentar auf “Interview: “Das Abandonware-Lexikon””

  1. Graufuchs am April 1st, 2008 22:07

    Sehr gut! Kurz und bündig, auf den Punkt gebracht. Endlich wird mal Licht ins Dunkel der Abandonware-Geschichte(n) gebracht.

    Und jetzt gibt’s endlich auch was für Hartz IV-Empfänger zu spielen :-))