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Interview: “Wo sind die normalen Menschen?”
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Über den “Umweg” eines Spieleverleihs und eines Computerclubs entwickelte sich der Hamburger Spieleladen Com Illusion.
Patrick Becher, einer der beiden Inhaber, hat seine 15jährigen Erfahrungen als Händler in einer Anekdotensammlung reflektiert. Sie ist unter dem Titel “Wo sind die normalen Menschen” beim CSW-Verlag erschienen.
“Nicht nur Kunden können den aufrichtigen Gewerbetreibenden zum Staunen bringen.
Auch Vertreter, die einem Softwarehaus Stofftiere andienen, Praktikanten, die die Fensterscheibe ablecken und vermeintlich unbeteiligte Passanten, die dem Händler als »Schmutz der Gesellschaft« moraltriefend eine schnelle Pleite wünschen, lassen sich keine Gelegenheit entgehen, um Becher mit ihren Auftritten zu verwundern.
Und als ob das alles nicht genug wäre, gibt es zusätzlich zu den zahlreichen Entgleisungen, Skurrilitäten und Merkwürdigkeiten weitere vier Kapitel mit Stilblüten aus der täglichen Kommunikationswelt eines Geschäftsführers.”
Ein Gespräch mit dem Autor.
Wie kamt Ihr auf die Idee, skurrile Erlebnisse in Buchform zusammenzustellen?
Ich liebe es, Anekdoten aus dem Umfang mit Kunden immer wieder Freunden und Verwandten zu erählen. Irgendwann sagte ein Praktikant: “Da könnte man fast schon ein Buch daraus machen.” Das war die Idee. Das Buch haben wir im Eigenvertrieb einige Jahre im Laden verkauft, bis der CSW-Verlag uns vorschlug, es als gebundenes Werk herauszubringen.
Vielfach scheitern die “Opfer” in Euren Anekdoten an den Tücken der Technik. Sind Computer zu kompliziert?
Wer Auto fährt braucht einen Führerschein, Computer benutzt jeder auch ohne Vorwissen. Windows sieht einfach aus. Man muss theoretisch nicht viel davon verstehen – bis die Probleme auftreten.
Wer die alten DOS-Zeiten nicht durchgemacht hat, wo man im Selbstversuch und mit viel Programmierarbeit Probleme lösen musste, kann heute gar nicht mehr nachvollziehen, warum ein Computer nicht immer das tut, was er soll. Und wer denkt, daß man Spiele nur reinlegen muß und alles funktioniert, sollte lieber zu einer Konsole greifen.
In den 80er Jahren gab es den typischen Computerspieler. Heute ist die Zielgruppe viel größer. Wie macht sich das in Eurem Geschäft bemerkbar?
Früher hatten wir viele kaufkräftige Kunden. Heute kaum mehr welche. Früher hatten wir viel Konkurrenz. Jetzt sind wir fast die letzten, die dieses Konzept am Leben halten.
Die Zielgruppe ist größer, aber durch die Elektronikmärkte und durch Ebay wurden die Preise zerstört. Neuware können wir nicht mehr verkaufen, da teilweise unser Einkaufspreis dem Verkaufspreis im Handel entspricht.
Außerdem gibt es bei Amazon und Ebay diverse “Privathändler”, die An- und Verkauf betreiben und denken, daß sie dafür keine Steuern zahlen müssen. Da wir ein angemeldetes legales Gewerbe betreiben und alle Abgaben entrichten, haben wir gegen diese Konkurrenz keine Chance.
Vielfach wird in Euren Geschichten die unterschwellige Klage deutlich, daß Fachgeschäfte wegen ihrer ausführlichen Beratung geschätzt werden – gekauft wird aber woanders.
Das ist definitiv korrekt. Unsere einzige Nische, der einzige Vorteil gegenüber Fachmärkten ist die Beratung. Sie wird gern genutzt und leider auch regelmäßig ausgenutzt: „Bei xy kostet es ja einen Euro weniger. Da fahre ich jetzt hin. Danke für die Tips.”
Wie kann sich der Einzelhandel zwischen Großmärkten und Onlineshops behaupten?
In unserer Branche gar nicht. Wer den Weg ins Internet verschlafen hat, kann sein Gewerbe abmelden.
Computerspiele unterliegen einem extremen Preisverfall. Welche Anforderungen stellt das an den Handel mit Gebrauchtspielen?
Keinen Müll sammeln :) Bestimmte Klassiker haben einen Wert, der sich sogar steigert. Viele andere Titel haben keinen Wert mehr. Die Leute wollen am liebsten ihren alten Kram loswerden und Highlights dafür bekommen. Das funktioniert natürlich nicht.
Über das Internet gelangen Spieler noch leichter an Raubkopien als früher. Wie hat sich im Laufe der Jahre das Unrechtsbewußtsein geändert?
Es war immer ein Problem und wird es immer bleiben. Es gab immer Leute, die sich nur Originale kauften, und die gibt es auch heute noch. Aber viele haben die Einstellung, “selbst wenn etwas billig ist, umsonst ist es doch besser”.
Was könnten Industrie und Handel unternehmen, um Kopierer als Kunden zu gewinnen?
Spielebeigaben liebevoller gestalten. Handbücher wieder in gedruckter Form beilegen. Aufhören mit einem Kopierschutz, der die legalen Käufer terrorisiert.
Aber wie gesagt: Viele würden nicht einmal ein günstiges Spiel kaufen, wenn sie es umsonst bekommen können. Da müßte der Gesetzgeber schärfer in die Pflicht genommen werden.
Zum Abschluß: Was ist das schrägste Erlebnis, das im Buch beschrieben wird?
Ich bin immer noch Fan von der Frau, die dachte, ihre Tastatur sei ein Computer. Ansonsten hab ich noch einige Geschichten im kopf, die aber erst in der nächsten Folge drin sind. :)